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Starker Arbeitsmarkt - Ökonomen enträtseln deutsches Jobwunder

16-12-2010


 

Der deutsche Arbeitsmarkt steht nach der Krise glänzend da. Aber was sind die wahren Gründe für das Jobwunder? Für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ist klar: Unternehmen und Mitarbeiter haben vorbildlich zusammengehalten - die Politik spielt kaum eine Rolle.

 

Gerhard Schröder hat sich vor einigen Tagen zurückgemeldet. Der Altkanzler wollte es sich nicht nehmen lassen, seine Arbeitsmarktreformen vom Anfang des Jahrzehnts kräftig zu feiern. Der Anlass: Die Zahl der Erwerbslosen war im Oktober unter die Drei-Millionen-Grenze gesunken. Für Schröder ist völlig klar: Nur die Agenda 2010 hat das möglich gemacht - und das ausgerechnet im Jahr 2010.

 

So viel Symbolik - das kann doch kein Zufall sein? "Doch", sagen Wissenschaftler der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die in einer aktuellen Studie zum deutschen Arbeitsmarkt mit dem Mythos der Wunderwaffe Agenda 2010 aufräumen wollen: Die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Ausweitung der Leiharbeit und die anderen Hartz-Reformen hätten allenfalls einen geringen Beitrag zum Beschäftigungswunder geleistet. Auch die Zurückhaltung der Beschäftigten bei den Löhnen seit der Jahrtausendwende habe Wirtschaftswachstum und Jobentwicklung in Deutschland eher geschwächt als gestärkt.

 

Die wahre Ursache für das “deutsche Wunder”, sehen die Experten woanders: bei den Unternehmen und ihren Mitarbeitern. Die nämlich haben in der Krise flexible Arbeitszeiten, den Abbau von Stundenkonten und die Kurzarbeit so stark genutzt wie noch nie. So gingen die gearbeiteten Stunden pro Arbeitnehmer bis zum Höhepunkt der Krise um 3,4% zurück - ohne dass es im großen Stil zu Entlassungen gekommen wäre. "3,1 Mio. Arbeitsplätze sind in Deutschland über die Finanz- und Wirtschaftskrise gerettet worden, weil die Arbeitszeiten reduziert wurden und Unternehmen Beschäftigte gehalten haben", schreiben die Forscher. Das seien 7,7% aller Jobs gewesen.

 

Kein Wunder, aber ein Erfolg

Tatsächlich ist die Beschäftigung in den Jahren 2008 und 2009 trotz der verheerendsten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gefallen. Im Gegenteil: Während in vielen anderen Ländern der Welt die Zahl der Beschäftigten massiv zurückging, ist sie in Deutschland leicht gestiegen: in der gesamten Periode um 0,4 Prozent.

"Das ist eine Sensation", sagen die Forscher. Aber auch kein wirkliches Wunder. Denn angesichts der in der Studie aufgelisteten Gründe lässt sich das Phänomen leicht erklären. Hätten dagegen die Arbeitsmarkt-Deregulierungen wie die Leiharbeit und der gelockerte Kündigungsschutz eine stärkere Rolle in der Krise gespielt, wäre die Zahl der Jobs stark gefallen und die Arbeitslosigkeit gestiegen.

 

Was die Studie allerdings verschweigt: Der Aufbau von Beschäftigung vor und nach der Krise geht unbestritten auch auf die Schröder-Reformen zurück, und damit eben auch auf die Lockerung der Leiharbeit. Denn allein in dieser Branche sind derzeit nahezu 900.000 Personen beschäftigt - ein Rekord. Ob es sich um einen qualitativ hochwertigen Aufbau von Jobs handelt, ist dabei eine andere Frage.

(Spiegel)